Zeitung der Deutschen Welthungerhilfe

1.        Quartal 2004 - 33 . Jahrgang - Seite 10

Bodenlose Generation

Philippinen : Ohne Landreform haben Arme keine Zukunft

( Von Michael Netzhammer )

 

Inzwischen blickt Emilia Dalisay mit anderen Augen auf dieses Land. Auf das wogende Zuckerrohr, die sattgrünen Reisfelder, auf die im Wasser zankenden Gänse und die Bananenstauden hinter „unserer Hütte“, wie sie betont. Der Satz klingt nicht mehr fremd in ihren Ohren. Die ehemalige Landlose hat sich daran gewöhnt, etwas zu besitzen :

 

 

ein Dach über dem Kopf   -  einen Wasserbüffel -  vor allem aber ein Stück Land .

Ihr Besitz ist nicht groß. Zwei Reisfelder am Bach, ein paar Bambusbäume und Ananassträucher. 1997 haben Emilia und ihr Mann 1,5 Hektar im Zuge der Landreform erhalten. Die wurde 1988 unter der Regierung Aquino – drei Jahre nach dem Sturz des Diktators Marcos – verkündet, ist aber auf halber Strecke zum Erliegen gekommen. Gerade hier auf der philippinischen Zuckerrohrinsel Negros. 240.000 Hektar sollten innerhalb von zehn Jahren in Negros Occidental verteilt werden. Nach 15 Jahren waren es lediglich 127.000 Hektar, vor allem Boden von kleinen Landbesitzern und Staatsland. Die wirklich großen Eigentümer aus den Familienclans blieben bisher ungeschoren.

Gegen die gleißende Sonne trägt Emilia Dalisay ihre gelbe Schirmmütze. Mit einer Sichel „köpft“ sie Pflanze für Pflanze und legt die Büschel zum Trocknen ab. Es wird wieder eine gute Ernte. 120 Sack waren es in der letzten Saison, über fünf Tonnen pro Hektar. Reich wird sie davon nicht. Aber sie muss nicht mehr von der Hand in den Mund leben. Andres als Hocerfida Ortiz. Tief gebeugt steht die 70 – Jährige auf dem Feld. Der Rücken schmerzt. Die halblangen, grauen Haare versteckt sie hinter einem Tuch.

Arbeit ist rar

Die kleine Frau wiegt kaum 40 Kilo, ist mager bis auf die Knochen. Mehr als 55 Jahre arbeitet sie auf fremden Feldern. Täglich 8 Stunden für 100 Peso, etwas mehr als 1,20 Euro. Wenn es Arbeit gibt. In der Trockenzeit – den „tiempos muertos“, der toten Zeit – gibt es meistens keine. Dann näht sie Schindeln aus Bambusblättern oder verdingt sich als Wäscherin. „Notfalls essen wir nur einmal am Tag“, sagt sie. Ein eigenes Stück Land – „das würde uns sehr helfen“.

Ihre Hütte steht in San Furique auf dem Land von Ricardo Presbitero. Er gehört zu einer mächtigen Familie auf Negros. „Schon mein Vater hat für diese Familie gearbeitet“, erzählt Hocerfida. Das System der Abhängigkeit ist so alt wie die Zuckerrohrplantagen der Insel. Kilometerweit führen die Straßen vorbei an endlosen Feldern, auf denen Menschen Zuckerrohr säen, schlagen und tragen. Mehr als 70 Prozent der 1,5 Millionen Menschen auf Negros hängen von dieser Pflanze ab. „Zuckerrohr ist die Pflanze der Armut“, sagt ein Landarbeiter

 Um so mehr, seit die philippinische Zuckerrohrindustrie auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrieren kann. Trotzdem wehren sich die Zuckerbarone dagegen, ihr unproduktives Land den Landlosen zu geben. Lieber engagieren sie Bewaffnete und lassen ihren Einfluss spielen. Für Hocerfida Ortiz und das riesige Heer der Landlosen schwindet damit auch die Chance auf ein menschenwürdiges Leben.

Und mit ihren Kindern wächst eine weitere verlorene Generation heran. Die Fotos ihrer drei Töchter und ihres Sohns hängen an einem Balken. Alle sind sie nach Manila gezogen. Für Menschen ohne Schulbildung gibt es auch dort nur schlecht bezahlte Jobs. Gesehen hat sie ihre Kinder seit vielen Jahren nicht mehr. Die Fähre von Manila nach Negros ist zu teuer.